Überstunden in Japan Drohne soll Mitarbeiter in den Feierabend scheuchen

80 Überstunden und mehr im Monat: In Japan völlig normal. Demnächst will eine Firma eine Drohne anbieten, die Mitarbeiter an den Feierabend erinnern soll. Das Gerät soll dabei einen bedeutungsvollen Song spielen.

Modell der geplanten Drohne
Taisei

Modell der geplanten Drohne


Eine japanische Firma will eine Drohne anbieten, die Angestellte dazu bringen soll, pünktlich Feierband zu machen. Die Drohne soll durch die Büros fliegen und das schottische Lied "Auld Lang Syne" dudeln, in Deutschland bekannt unter "Nehmt Abschied, Brüder". Der Song signalisiert in japanischen Supermärkten, dass die Geschäfte bald schließen.

Experten reagierten wenig begeistert auf das Projekt.

Japan hat seit Jahrzehnten ein massives Problem mit Überstunden. 2013 war eine Reporterin mit 31 Jahren an einem Herzanfall gestorben. Zuvor hatte sie 159 Überstunden in nur einem Monat angehäuft. Tod durch Überarbeitung ist in Japan so verbreitet, dass es dafür ein eigenes Wort gibt: "karoshi". In einer Regierungsstudie aus dem Jahr 2016 gaben 23 Prozent der befragten Firmen an, dass manche ihrer Mitarbeiter auf mehr als 80 Überstunden pro Monat kommen. Ein Jahr zuvor wurden 93 Fälle von Selbstmord oder versuchtem Suizid infolge von Überarbeitung offiziell anerkannt.

"Das ist eine ziemlich dumme Sache"

Laut Medienberichten will die japanische Firma Taisei die Drohne "T-Frend" gemeinsam mit den Unternehmen Blue Innovation und NTT East entwickeln. Die Idee: Die Mitarbeiter können nicht mehr konzentriert arbeiten, wenn sie daran denken müssen, dass die Drohne nun jederzeit vorbeifliegen könnte, und gehen lieber nach Hause. Das glaubt zumindest Tasei-Chef Norihiro Kato. Seine Firma will die Rausschmeißer-Drohne ab April einsetzen. Im Laufe des Jahres soll sie auch anderen Firmen angeboten werden, Kostenpunkt: 375 Euro im Monat.

"Das ist eine ziemlich dumme Sache", sagt dagegen Seijiro Takeshita zu BBC, Professor für Management und Information an der Universität von Shizuoka. Die Drohne könne das Problem der Überstunden nicht in den Griff bekommen und sei ein übler Scherz. Die Firmen wollten der Öffentlichkeit nur vorgaukeln, sie würden tatsächlich gegen massive Überstunden vorgehen. Diese seien jedoch tief in der japanischen Arbeitskultur verwurzelt und ließen sich nur durch fundamentales Umdenken bekämpfen.

Auch Scott North, Professor für Soziologie an der Osaka Universität sagte: "Selbst wenn der Roboter die Mitarbeiter dazu bringt, nach Hause zu gehen, werden sie ihre unerledigte Arbeit einfach mitnehmen." Er schlägt stattdessen vor, die Arbeitsbelastung zu reduzieren. Zeitverschwendende Aufgaben müssten ebenso wegfallen wie Wettbewerbe zwischen Kollegen, für die japanische Arbeitsplätze berüchtigt sind. Außerdem sollten mehr Arbeitnehmer eingestellt werden.

koe



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Krokodilstreichler 12.12.2017
1.
Na, das sollte es mal in Deutschland geben. Hier halten sich die Arbeitgeber oft nicht einmal an die elfstündigen Ruhezeiten, selbst wenn die Arbeitnehmer noch minderjährig sind.
karljosef 12.12.2017
2. Wie gut ist es doch, dass es in Deutschland ´ganz anders´ ist
Wir haben zumeist keine Stempeluhr mehr sondern Arbeitszeit auf Vertrauen. Wie blöken die Neoliberalen: "Eine Zeiterfassung ist zu aufwendig!" Zu Zeiten, als es noch keinen Rechner gab, war der Gang zur Stempeluhr morgens das Erste, abends das Letzte, was jeder Arbeitnehmer machte. Damals war dieses wohl weniger aufwendig??? Behauptung Arbeitszeit auf Vertrauen: Man macht heute mit, sich genau wie in Japan selbst auszubeuten? In einer Zeit von "Fachkräftemangel" und einer grandiosen Arbeitslosenstatistik muss man alltäglich dem Arbeitgeber seinen Arbeitswillen zeigen, wobei etwa gesundheitliche Folgen keine Rolle spielen können. Wenn man krank wird, hat man eben Pech gehabt und befindet sich ganz schnell auf der Straße.
spon-facebook-1015663483 12.12.2017
3. Was soll das bringen?
Entweder hat der Spiegel hier etwas wichtiges vergessen zu erklären oder das Konzept macht wirklich keinen Sinn. Mitarbeiter dran erinnern Feierabend zu machen, einen Song abspielen der sie animieren soll zu gehen und kontrollieren ob sie es auch tun ... was soll dabei eine fliegende Drohne bringen? Alle im Artikel beschriebenen Funktionen haben keinen Vorteil dadurch, dass diese fliegend durchgeführt werden. Bitte erklären.
anne_moebel 12.12.2017
4.
Zitat von spon-facebook-1015663483Entweder hat der Spiegel hier etwas wichtiges vergessen zu erklären oder das Konzept macht wirklich keinen Sinn. Mitarbeiter dran erinnern Feierabend zu machen, einen Song abspielen der sie animieren soll zu gehen und kontrollieren ob sie es auch tun ... was soll dabei eine fliegende Drohne bringen? Alle im Artikel beschriebenen Funktionen haben keinen Vorteil dadurch, dass diese fliegend durchgeführt werden. Bitte erklären.
Wie schon Seijiro Takeshita im Artikel sagt: "Die Drohne könne das Problem der Überstunden nicht in den Griff bekommen und sei ein übler Scherz." Das ganze ist eine tolle, öffentlichkeitswirksame Kampagne um die eigentlichen Probleme zu überspielen...
H-Vollmilch 12.12.2017
5.
Zitat von karljosefWir haben zumeist keine Stempeluhr mehr sondern Arbeitszeit auf Vertrauen. Wie blöken die Neoliberalen: "Eine Zeiterfassung ist zu aufwendig!" Zu Zeiten, als es noch keinen Rechner gab, war der Gang zur Stempeluhr morgens das Erste, abends das Letzte, was jeder Arbeitnehmer machte. Damals war dieses wohl weniger aufwendig??? Behauptung Arbeitszeit auf Vertrauen: Man macht heute mit, sich genau wie in Japan selbst auszubeuten? In einer Zeit von "Fachkräftemangel" und einer grandiosen Arbeitslosenstatistik muss man alltäglich dem Arbeitgeber seinen Arbeitswillen zeigen, wobei etwa gesundheitliche Folgen keine Rolle spielen können. Wenn man krank wird, hat man eben Pech gehabt und befindet sich ganz schnell auf der Straße.
Ich habe auch Arbeitszeit auf Vertrauen. Überstunden feier ich 1:1 ab. Wenn ich krank bin, bin ich krank und bleibe zu Hause. Eine Kündigung muss ich nicht fürchten. Ihre Umwelt scheint recht düster. Ich empfinde ein wenig Mitleid mit Ihnen. Vielleicht sollten Sie den Stellenmarkt mal wieder zu Rate ziehen....
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